99 Prozent der Leichen mit Folterspuren


Das Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen (UN) Beobachter entsenden. “Sie (die Beobachter) wollen sich dorthin begeben, um mehr darüber herauszufinden, was passiert sein könnte”, sagt eine UN-Sprecherin in Genf. Wann ein solcher Besuch stattfinden könnte, blieb zunächst unklar.Oleg Kotenko, der Beauftragte für Vermisstenfragen unter besonderen Umständen, filmt die kürzlich entdeckten Gräber bei Isjum. (Quelle: Evgeniy Maloletka)In der vergangenen Woche hatten ukrainische Truppen durch ihre Gegenoffensiven die russischen Truppen weitgehend aus dem Gebiet Charkiw vertrieben. Aktuell stehen nach ukrainischen Angaben noch etwa sechs Prozent des Gebiets unter russischer Kontrolle.

Selenskyj sieht Hinweise auf Kriegsverbrechen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am Freitag, dass es unter den Leichenfunden Hinweise auf Kriegsverbrechen durch die russischen Besatzer gebe. Es seien ganze Familien und Menschen mit Folterspuren verscharrt worden, sagt er der Nachrichtenagentur Reuters. Die Funde sollten mit internationaler Hilfe untersucht werden – am Freitag sollten Medienvertreter den Fundort besuchen.Der Gouverneur der Region Charkiw, Oleg Synegubow, erklärte, dass in den Gräbern zahlreiche Leichen mit auf dem Rücken gefesselten Händen vorgefunden wurden. “Nach unseren Informationen weisen alle Bestatteten Anzeichen eines gewaltsamen Todes auf”, sagte Synegubow.”Das ist nur eine der Massengrabstätten, die in der Nähe von Isjum gefunden wurden”, sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak. In den russisch besetzten Gebieten habe es monatelang “Terror, Gewalt, Folter und Massenmorde” gegeben. Den russischen Streitkräften wird seit Monaten vorgeworfen, in den besetzten Gebieten in der Ukraine zahlreiche Gräueltaten an Zivilisten begangen zu haben.

Vermisstenbeauftragter: “Möchte das nicht Butscha nennen”

Die Bilder aus Isjum erinnern an Massengräber, die nach dem Abzug russischer Truppen in Kiewer Vororten wie Butscha entdeckt wurden. Butscha gilt seitdem als Symbol für schwerste Kriegsverbrechen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Diesem Vergleich tritt der ukrainische Vermisstenbeauftragte Oleh Kotenko entgegen. “Ich möchte das nicht Butscha nennen – hier wurden die Menschen, sagen wir mal, zivilisierter beigesetzt”, sagte Kotenko dem TV-Sender “Nastojaschtschee Wremja” in der Nacht zum Freitag. Präsident Selenskyj hatte in einer ersten Reaktion von einem “Massengrab” gesprochen, verwies aber zugleich auf weitere Ermittlungen.Die Suche nach weiteren Toten geht unterdessen weiter. Nach Angaben des ranghohen Polizisten Serhij Bolwinow seien auch in weiteren zurückeroberten Gebieten zahlreiche Gräber entdeckt worden. In Isjum seien jedoch die meisten Leichen gefunden worden, so Bolwinow.Die Sucharbeiten werden durch Minen erschwert, sagte Kotenko der Agentur Unian zufolge. Dennoch werde jede Anstrengung unternommen – insbesondere auch, um die Körper gefallener Soldaten an ihre Familien übergeben zu können: “Wir setzen die Arbeit fort (…), damit die Familien die Soldaten, die für die Ukraine gestorben sind, so schnell wie möglich angemessen ehren können”, sagte Kotenko.

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